Mehr Klimaschutz durch eine wirksamere Regulierung in der Automobilindustrie

07.03.2018

Pkw und leichte Nutzfahrzeuge unterliegen seit 2009 einer europäischen CO2-Regulierung. Nachdem für Pkw-Neuwagen zunächst ein Durchschnittsziel von 130 g CO2/km für das Jahr 2015 festgelegt worden war, wurde dieses Ziel für 2020 auf 95 g CO2/km verschärft. Damit gibt Europa die weltweit strengsten CO2-Ziele für Pkw vor.

 

Die Automobilindustrie steht aber vor einem Dilemma: Einerseits werden die CO2-Grenzwerte für Pkw seit Jahren immer strenger, andererseits sind die realen CO2-Emissionen im Verkehr in jüngster Zeit nicht gesunken.

Der Grund liegt aber auf der Hand: Die bisherige Regulierungssystematik bezieht sich nur auf Neuwagen. Alle Autos, die bereits auf den Straßen fahren, ihr Alter, das Fahrverhalten der Nutzer oder der CO2-Gehalt der Kraftstoffe – all das bleibt in der derzeit geltenden CO2-Regulierung unberücksichtigt. Und das, obwohl all diese Faktoren erheblichen Einfluss darauf haben, wie viel CO2 insgesamt ausgestoßen wird. Zumal Bestand und Fahrleistungen steigen.

Eine reine Fortschreibung der jetzigen europäischen Klimapolitik für Pkw für die Zeit nach 2020 greift somit sowohl klima- als auch industriepolitisch viel zu kurz. Überzogene Vorgaben können nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit der Automobilhersteller gefährden, sondern verteuern Neuwagen und verzögern damit den Austausch von Altautos durch neue und besonders effiziente Pkw.

Wer wirksamen Klimaschutz will, muss über den Tellerrand einer rein angebotsorientierten Regulierung blicken. Innovationen am Antriebsstrang bleiben wichtig, aber eine wirksame CO2-Reduzierung muss auch die Reduktionspotenziale außerhalb der Fahrzeugtechnik heben. So ist die Verbesserung der Bestandsflotte um 1 g – beispielsweise durch einen CO2-ärmeren Kraftstoff – mit zeitnaher Wirkung so effektiv wie eine Verbesserung um 20 g in der Neuwagenflotte.

Ein umfassender Klimaschutz im Straßenverkehr erfordert somit, dass die Politik neben der reinen Fahrzeugeffizienz alle Optimierungspotenziale innerhalb und außerhalb der Automobilindustrie und nicht einseitig eine Stellschraube adressiert. In diesem Sinne sollte Klimaschutzpolitik in der Automobilindustrie auf zwei Säulen aufbauen:

Säule 1: CO2-Potenziale innerhalb der Automobilindustrie – d. h. weitere Effizienzsteigerungen bei Neuwagen („tank to wheel“) sowie sonstige Reduktionsmöglichkeiten innerhalb der Automobilindustrie. Gerade hier kommt auch dem Thema Leichtbau eine besondere Bedeutung zu.

Säule 2: CO2-Potenziale außerhalb der Automobilindustrie – d. h. Maßnahmen, die die Energieträger (Kraftstoffe, Strom) sowie die Nachfrageseite und Bestandsflotte adressieren („well to tank“ sowie „Nutzungsphase“).

Da derzeit noch unklar ist, wie sich die Verkäufe von E-Modellen und damit auch die Kosten entwickeln werden, muss jede Art von Regulierung dynamisch und „atmend“ bleiben: Politisch gesetzte Grenzwerte müssen sich an den realen Markterfolg alternativer Antriebe anpassen und vom tatsachlich erfolgten Ausbau der Infrastruktur abhängig gemacht werden. Nur so können die enormen Unsicherheiten beim Markthochlauf berücksichtigt werden. Dies ist notwendig, da für die Marktdurchdringung z. B. von E-Fahrzeugen – anders als bei den bisher erreichten CO2-Minderungen – vor allem auch politische und regulatorische Rahmenbedingungen in allen 28 EU-Mitgliedstaaten ausschlaggebend sind (Ladeinfrastruktur, öffentliches Beschaffungswesen, Besteuerung, Anreizpolitiken etc.).

Entscheidend ist auch, dass die Politik einen regulatorischen Rahmen setzt, der technologieneutral ist und keine Technologieoption ausschließt. Nur so kann die Effizienz über alle Antriebe und Kraftstoffe hinweg gesteigert werden. So hat etwa der Diesel einen erheblichen Anteil an der bisher erreichten CO2-Einsparung. Zusammen mit dem optimierten Benziner wird er noch weitere Fortschritte bringen. Die Effizienz der Verbrennungsmotoren kann in den kommenden Jahren noch um mindestens 10 bis 15 Prozent gesteigert werden. Darüber hinaus liegt zusätzlich zur Elektromobilität auch in Biokraftstoffen und regenerativen Kraftstoffen – sog. E-Fuels – ein großes Potenzial zur Reduktion der CO2-Emissionen aus dem Verkehr.

 

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Dr. Martin Koers

Leiter der Abteilung Wirtschafts- und Klimaschutzpolitik

Verband der Automobilindustrie e.V.