Was die Industrie jetzt von der Politik braucht

30.06.2021

Immer mehr Unternehmen beziehen Klimaschutz in ihre Investitionsentscheidungen mit ein – gerade bei der energieintensiven Industrie mit langen Investitionszyklen ist dies unerlässlich. Doch für eine klimaneutrale Industrie braucht es auch starke politische Entscheidungen.

Der globale Wettlauf zu null Emissionen hat begonnen und prägt gutes Unternehmertum: Denn Investitionsentscheidungen die heute getroffen werden, müssen bereits mit dem Paradigma klimaneutrales Deutschland 2045 im Einklang stehen. Das gilt besonders für die energieintensive Industrie mit Anlagen, die eine Lebensdauer von über 20 bis zu sogar 70 Jahren haben – wie etwa Steamcracker, Zementöfen oder Hochöfen zur Stahlproduktion. Auf dem Weg zur Klimaneutralität ist für viele Industrieunternehmen bereits der nächste Investitionszyklus entscheidend.

Und nicht nur in Deutschland etablieren sich gerade neue Klimastandards. Die USA, Großbritannien, China, Japan und natürlich die EU haben sich Klimaneutralität zum Ziel gesetzt. Klimaneutrale Technologien sind auf dem Vormarsch und Deutschland hat die Chance, international Technologieführer bei klimaneutralen Schlüsseltechnologien zu werden – womit sich die Industrienation ein zukunftsträchtiges Exportmodell aufbauen würde.

Dafür braucht es aktive Klimapolitik. Denn was den Unternehmen hierzulande fehlt ist ein politischer Rahmen, der ihnen Planungssicherheit für klimafreundliche Investitionen gibt. Der Wille ist da: Wo die Unternehmensführungen bis vor wenigen Jahren ihren Umbau im Sinne des Klimaschutzes noch stoisch vor sich hergeschoben haben, stehen jetzt Treiber, die sich klar zur klimaneutralen Transformation bekennen.

Ein Grundpfeiler guter Klimapolitik ist der beherzte Ausbau von Windkraft- und Solaranlagen.

Indem die Bundesregierung langfristig den Zugang zu kostengünstigem Strom sichert, stärkt sie den Industriestandort Deutschland. Denn grüner Strom vor Ort wird stets die günstigste Energieoption sein – für die energieintensive Produktion ist er damit überlebenswichtig. Dafür muss die Bundesregierung die jährlichen Ausbauziele für Windkraftanlagen verdreifachen und für Solaranlagen mehr als verdoppeln.

Es ist absehbar, dass Deutschlands Ausstieg aus der Kohle mit den neuen Klimazielen und steigenden CO₂-Preisen schon etwa 2030 stattfindet. Das hat jüngst auch die Internationale Energieagentur – die weltweit bedeutsamste Energie-Institution – in einem neuen Bericht für den globalen Kontext bekräftigt: Um die im Pariser Klimaabkommen vereinbarten Ziele zu erreichen, dürfen die OECD-Länder ab 2030 keine Kohle mehr verstromen. An die Stelle von konventionellen Kraftwerken treten Erneuerbare-Energien-Anlagen. Auch in der Stahlindustrie steht der Kohleausstieg an – an die Stelle von klassischen Koks-Kohle-Öfen treten Direktreduktionsanlagen auf der Basis von Wasserstoff.

Auf der anderen Seite muss die Industrie bei der Elektrifizierung ihrer Produktionsprozesse voranschreiten und auch Effizienzsteigerungen sowie die Kreislaufwirtschaft zunehmend in ihre Geschäftsmodelle integrieren, um den Bedarf an Primärenergie und Rohstoffen weiter zu senken.

Die Politik muss gesicherte Investitionsbedingungen schaffen.

Dabei muss die Politik der Industrietransformation mit einem klugen Instrumentenmix unter die Arme greifen, der Klimaschutz entlang der gesamten industriellen Wertschöpfungskette forciert: Von langfristig wettbewerbsfähigen Strompreisen über den Ausgleich von Mehrkosten von klimaneutralen Schlüsseltechnologien über sogenannte Carbon Contracts for Difference bis zu Abnahmegarantien für klimaneutrale Produkte, etwa bei öffentlichen Bauvorhaben.

Bis Mitte der nächsten Legislaturperiode, also bis Ende 2023 müssen bessere und gesicherte Investitionsbedingungen für eine klimaneutrale Industrie geschaffen sein. Ebenso muss die ergrünende Wirtschaft vor Konkurrenz aus Ländern mit niedrigeren Klimaschutz-Vorgaben geschützt werden – Grenzausgleichmechanismen, wie die von der EU diskutierten Carbon Border Adjustments, müssen dafür ausgehandelt werden. Auch der europäisch koordinierte Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur wird eine der zentralen Aufgaben für die nächste Bundesregierung sein. Diese und weitere Politikempfehlungen sind im Dialog mit führenden Industrieunternehmen entstanden. Die Publikation dazu findet sich auf unserer Webseite.

Über Agora Energiewende
Agora Energiewende erarbeitet wissenschaftlich fundierte und politisch umsetzbare Wege, damit die Energiewende gelingt – in Deutschland, Europa und im Rest der Welt. Die Organisation agiert unabhängig von wirtschaftlichen und parteipolitischen Interessen und ist ausschließlich dem Klimaschutz verpflichtet.


Dr. Patrick Graichen

Direktor

Agora Energiewende